Die 5 Geheimzutaten erfolgreicher Leitbilder

19. Februar 2015

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Von Sportwagen, Serpentinen und der Führungskraft als Vorbild

Stellen Sie sich vor, Sie fahren einen schnellen, sehr teuren Sportwagen. Jede kleine Beule und Reparatur kosten Sie ein Heidengeld, also sind Sie darauf bedacht, vorausschauend zu fahren, Risiken abzuwägen und natürlich überlassen Sie den Wagen auch nicht Ihrem gerade volljährig gewordenen Sohn mit frischem Führerschein.

 

Eine schmale Straße im Gebirge

 

Eines Abends fahren Sie eine einsame Bergstraße hinauf, Serpentinen. Aus Freude am Fahren treten Sie so richtig aufs Gaspedal, ihr Filius wird ein wenig blass um die Nase. Die Straße ist feucht, der Wagen schlittert, sie lenken gegen und landen mit einem Aufschrei und Karosserieschaden in der Leitplanke. Neben einem felsigen Abgrund von 100 Meter Tiefe. Glück gehabt!

 

Egal, ob Gründer oder Manager, Unternehmensvorstand im Großkonzern oder Kindergartenleitung - wir haben in den vergangenen Jahren gelernt, uns zu fragen: „Was treibt uns an?“ Die Antworten werden heute in Leitbilder geschrieben, in augenfällige Broschüren gedruckt und auf Internetseiten ausführlich präsentiert. Doch was genau tun sie für uns? Ich meine - wir schreiben sie nieder, um sie nicht zu vergessen und um sie auch für außen Stehende zugänglich zu machen. Aber was tun wir dann mit unseren Leitbildern, wenn all das passiert ist?

 

Unternehmensleitbilder als Leitplanke im Entscheideralltag 

Jede Fehlentscheidung in Ihrem Unternehmen, dem schnellen Sportwagen, kostet viel Geld. Und so ist es gut und wichtig, für die Serpentinenstraßen der Unwägbarkeiten im Alltag eine Leitplanke zu haben, die Ihnen bei schwierigen Entscheidungen den Weg vorgeben kann und Abstürzen vorbeugt. Eine solche Leitplanke sind Unternehmensleitbilder, Mission Statements oder auch die Führungsleitlinien, die häufig darin integriert sind. Sie sind aber auch nur hilfreich und nutzbringend, wenn sie zu einhundert Prozent Ihr Unternehmen abbilden und ohne Worthülsen auskommen.

 

Sehen wir uns ein Beispiel an: In seinem Unternehmensleitbild schreibt ein bundesweit tätiger IT-Dienstleister die Werte Verlässlichkeit, Kompetenz und Nachhaltigkeit als Basis für alle Zusammenarbeit in die Überschrift. Das Leitbild des Unternehmens umfasst dann fast 600 Wörter und reflektiert im Text noch auf weitere Begriffe wie Innovation, Professionalität, Wertschätzung, Verbindlichkeit, Nachvollziehbarkeit und Transparenz, um nur einige zu nennen. Alle Begriffe sind in Leitbildern gebräuchlich, provokant gesagt: Überstrapaziert. Worthülsen. Man sieht dem Leitbild seine Entstehung an: Eine obligatorische Leistung, ausgeführt ohne Herz, weil es „von uns als Unternehmen erwartet wird“. Im Ergebnis: Ein Sportwagen mit Standardausrüstung, in der Leistung gedrosselt.

 

Die fünf Geheimzutaten erfolgreicher Leitbilder

Die Entwicklung Ihres Leitbildes ist ein Prozess, es braucht mehr als nur einen Konferenzraum, ein Flipchart und Ihre Führungsebene. ES braucht für diesen Prozess gewissermaßen eigene Leitplanken. Sehen Sie sich im Prozess der Leitbildentwicklung vor allem der Wahrheit verpflichtet, nehmen Sie lieber einen Umweg statt die Autobahn, hören Sie genau hin. Und sehen Sie die folgenden fünf Geheimzutaten erfolgreicher Leitbilder als Ihren Vorsprung gegenüber den unzähligen Worthülsen in der Leitbildlandschaft.

 

6 Schälchen mit unterschiedlichen Gewürzen 

Geheimzutat #1: Beteiligung aller Hierarchieebenen am Prozess

Die Formulierung von Leitbildern ist im Regelfall immer noch Management- bzw. Vorstandssache. Doch das ist - mit Verlaub - ein grober Verfahrensfehler. Wenn Sie möchten, dass Ihr Leitbild von allen getragen und gelebt wird, kommen Sie nicht mehr umhin, die Menschen einzubeziehen, die es in der Breite - hin zu Kunden und Lieferanten Ihres Unternehmens als auch intern und miteinander - leben sollen. Mitspracherecht motiviert nicht nur, es bildet auch auf ganz andere Weise Vertrauen und Selbstverantwortung als eine Verhaltensrichtlinie, die naserümpfend hingenommen wird.

 

Anders als die Formulierung von Führungsleitlinien geht ein Unternehmensleitbild alle an. Suchen Sie sich für den Leitbildprozess Botschafter aus allen Hierarchieebenen vom Auszubildenden über den Pförtner über die Administration bis hin zur mittleren und oberen Führungsebene. Ich verspreche Ihnen, Sie werden Dinge über Ihr Unternehmen erfahren, die Sie überraschen und einen positiven Veränderungsprozess anstoßen werden. Lassen Sie Ihren Leitbildprozess bitte extern moderieren, eine solch’ umfangreiche Arbeit benötigt einen Moderator, der den Rahmen hält und die Gruppe bei ausufernden Diskussionen zurück auf den Punkt führt.

 

Geheimzutat #2: Kurze, eindeutige Formulierungen geben klare Orientierung

Je kürzer, klarer und eindeutiger Ihr Leitbild formuliert ist, desto unmissverständlicher kann es im Alltag umgesetzt werden. Achten Sie besonders darauf, Ihre Aussagen so niederzuschreiben, dass sie es Ihnen ermöglichen, für den Unternehmensalltag daraus Konsequenzen abzuleiten. Eine Kernfrage kann hier sein: Woran werden wir konkret im Alltag bemerken, dass wir diesen Leitsatz leben? Ihr Leitbild darf nicht auf einhundert verschiedene Weisen interpretierbar sein und jeder Mitarbeiter muss wissen, welches Verhalten von ihm erwartet wird bzw. welches Verhalten eben nicht geduldet wird. 



Geheimzutat #3: Konsequente Verhaltensausrichtung statt Umsatzausrichtung

Für ein Leitbild empfehle ich immer eine Ausrichtung der Formulierungen auf erwünschtes Verhalten statt auf Umsatzzahlen. Auch wenn Zahlen einfacher auf Erfolg zu prüfen sind, so ist es am Ende ein bestimmtes Verhalten gegenüber den eigenen Teammitgliedern, Kunden und Lieferanten, welches Menschen aneinander bindet. Ihre Umsatzzahlen sind eine direkte Folge davon. Beginnen Sie die Formulierungen Ihres Leitbildes z.B. mit 

  • Zu unseren Kunden pflegen wir...
  • Kommunikation bedeutet für uns...
  • Im Umgang miteinander achten wir auf...
  • Wir streben nach...
  • Uns ist… wichtig.

 

Fragen Sie sich in diesem Zusammenhang auch nach den Konsequenzen, welche eintreten, wenn Ihr Leitbild nicht gelebt oder gar boykottiert wird. Wie möchten Sie die Mitarbeiter mit ins Boot holen? Welche Grenzen und Gestaltungsmöglichkeiten hat Ihr Leitbild? Streben Sie eine größtmögliche Freiheit des Einzelnen bei Ihren Regelungen an. 

 

Geheimzutat #4: Jährliche Review

Prüfen Sie Ihr Leitbild regelmäßig, am besten jährlich. Unterziehen Sie die einzelnen Leitsätze einem kritischen Review und fragen Sie: Können wir unter den derzeitigen wirtschaftlichen und unternehmenspolitischen Gegebenheiten an unserem Leitbild festhalten oder müssen wir Anpassungen vornehmen? Eine mittelständische Agentur schrieb als Leitsatz nieder: „Wir fördern und fordern unsere Mitarbeiter.“ Dieser Satz löste einige Kritik bei den Mitarbeitern aus und wurde nicht ernst genommen, da Forderungen („Die geleisteten Überstunden sind mit dem Gehalt abgegolten.“) zwar von der Geschäftsführung durchgesetzt wurden, Förderung aber seit Jahren nicht passierte. Keine Fortbildungen, keine Fachliteratur, keine Teilzeitstellen. Im Rahmen eines Reviewprozesses für das bestehende Leitbild wurde der folgenträchtige Fehler in der Formulierung sichtbar. Folgenträchtig deshalb, weil sich die Mitarbeiter durch diesen Leitsatz buchstäblich auf den Arm genommen fühlten und die Motivation wie auch die Arbeitsergebnisse darunter stark litten.

 

Als Lösung wurden speziell für den Bereich der Förderung nun die Konsequenzen für den Unternehmensalltag festgelegt und für die Mitarbeiter wurde im ersten Schritt eine Fachbibliothek eingerichtet, die mit einem jährlichen Budget ausgerüstet wurde. In einem zweiten Schritt wurde ein Fortbildungskatalog erarbeitet, der allen Mitarbeitern offen steht und neben der Vermehrung von Know How auch für Bindung an das Unternehmen sorgt.

 

Im Workshop kam aber auch die Frage auf: Wie gehen wir in wirtschaftlich schlechteren Zeiten mit diesem Leitsatz um, wenn wir möglicherweise aufgrund geringeren Budgets diesen Katalog verringern oder vorübergehend einfrieren müssen? Auch hier brachten die Mitarbeiter gute Ideen ein und schlugen vor, in solchen Jahren statt des Besuchs einer fachlichen Fortbildung ein Ehrenamt während der Arbeitszeit ausüben zu können oder Fortbildungskonten anzulegen und für wirtschaftlich bessere Zeiten Punkte zu sammeln.

 

Geheimzutat #5: Die Haltung, mit der wir dem Leitbild begegnen - die Führungskraft als Vorbild

Sie haben die Botschafter auf allen Hierarchieebenen. Sie haben Ihr klar und unmissverständlich formuliertes Leitbild. Sie haben als Führungskraft eine Pflicht: Sie sind das Vorbild. Pflegen Sie diese Rolle, denn an Ihnen wird das Leitbild gemessen! Sind Sie nicht in der Lage, das Unternehmensleitbild mitzutragen und danach zu handeln, werden Ihre Mitarbeiter ihm schon gar nicht folgen. Bedenken Sie die große Macht, welche Sie damit besitzen.

 

Ein Leitbild spiegelt die generelle Haltung wider, mit der im Unternehmen gehandelt wird. Leiten Sie als Führungskraft Ihre Mitarbeiter in dieser Haltung an und schätzen Sie das Verhalten Ihrer Mitarbeiter im Sinne des Leitbildes wert. Gerade am Anfang brauchen Ihre Mitarbeiter die Bestätigung, dass sie das Leitbild richtig umsetzen. Korrigieren Sie eventuelle Abweichungen demnach auch in wertschätzender Weise, fragen Sie nach Schwierigkeiten und bringen Sie diese in den Review-Prozess ein.  Achten Sie schon im Recruitment besonders darauf, Mitarbeiter zu suchen, die sich mit Ihrem Leitbild identifizieren können. 

 

Das Verhalten entscheidet über den Erfolg des Leitbildes

Den Erfolg eines Leitbildes messen wir - egal ob Mitarbeiter, Führungskraft, Kunde oder Lieferant - daran, was wir sehen: Wird uns das Verhalten entgegen gebracht, welches im Leitbild niedergeschrieben ist? Kann auch eine unternehmensfremde Person ohne jegliches Vorwissen erkennen, dass nach einem Leitbild gelebt wird? Wird das Leitbild konsequent verfolgt? Und ganz wichtig: Ist dieses Leitbild in all seinen Formulierungen passend zum Unternehmen und seinem Zweck? Ist es authentisch?

 

Mit diesen Kernfragen sind Sie gerüstet für Ihre Serpentinen-Fahrt im Sportwagen. Kommen Sie gut an!

 

Hier finden Sie weitere Beiträge zu unserem diesjährigen Projekt Erfolgsrezepte.

 

 

Buchtipp

Ihr 2013 erschienenes Buch "Das Brathuhn in der Badewanne: 52 Fragen an dein Leben" ist als Kolumnensammlung das Pendant für alle, die sich auch im Privatleben mit ihren Werten beschäftigen und sich die Frage stellen, was sie ausmacht und antreibt.

 

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