Verkaufen in digitalen Zeiten: Wie sieht die Zukunft des Lebensmittel-Einzelhandels aus?

26. September 2017

Im letzten Teil dieser Artikelreihe ist der Lebensmittel-Einzelhandel das Thema. Nein, es wird nicht um digitalisierte Bananen gehen, sondern darum, wie sich unser Einkauf verändern wird und wie das Drumherum aussehen könnte. Zum letzten Mal die Erklärung für die neu dazu gestoßenen Leser: ich benutze zur Einschätzung des Digitalisierungsgrades den Begriff Digitaler Index (DI). Dabei geht es um eine Skala von 1 bis 10, wobei die „1“ den niedrigsten und die „10“ den höchsten Wert darstellt. Ich starte stets mit einer allgemeinen Einschätzung der Situation und wage dann einen Ausblick.

 

 

Der Bereich Lebensmittel-Supermärkte

Noch scheint alles so zu sein wie immer: Sie suchen verzweifelt in Ihrem Portemonnaie nach einem Euro für den Einkaufswagen, stecken ihn in die dafür vorgesehene Vorrichtung und versuchen dann krampfhaft, das Gefährt in der Spur zu halten, da mindestens ein Rad eiert. Sie schlendern durch die Gänge, greifen hier und dort zu, schieben Ihre Pfandflaschen in den Automaten (in manchen Märkten gibt es dafür noch eigens Personal, welches Sie mittels Klingel zur Entgegennahme des Leerguts auffordern können) und stellen sich dann zum Schluss an der Kasse an. Hin und wieder finden Sie in Großstädten wie Berlin, Hamburg oder München einen kleinen Bildschirm in der Obst- und Gemüseabteilung, mit dem Sie interaktiv kommunizieren können, um sich ein paar Rezeptanregungen zu holen. Immerhin ein Anfang.

 

Was die Möglichkeiten der Online-Bestellung anbetrifft, so hat REWE einen Vorstoß gewagt und bietet sein Sortiment nun auch im Netz zur Lieferung an, Edeka zieht langsam nach. Aber das scheint noch nicht reibungslos zu klappen, da mir sehr viele Kunden berichtet haben, dass der Bestellvorgang noch sehr mühsam sei und die Liefertermine nicht ganz das hielten, was sie sich davon versprochen haben. In einem Fall hat sich eine Kundin 20 Minuten durch Bestellvorgänge geklickt und getippt, um am Schluss zu erfahren, dass sie in ihrem Postleitzahl-Bereich nicht beliefert werden kann. Es gibt noch viel zu tun, und bis dahin begnügen sich die meisten Kunden auch mit der analogen Lebensmittel-Welt. Die jüngere Fraktion zieht allerdings zweifelnd die Augenbrauen hoch, und das ist angesichts des DI 2 auch kein Wunder.



 

Das mögliche Zukunftsszenario

Angenommen, die Lebensmittelbranche wendet alles an, was jetzt schon problemlos möglich und zum Beispiel in den USA zum Teil schon Realität ist, könnte der Einkauf für die Kunden deutlich entspannter ablaufen, und die Märkte hätten es auch viel einfacher.

 

Nehmen wir als Beispiel die elektronischen Etiketten und Displays: Wenn wir einmal davon ausgehen, dass in einem durchschnittlichen Supermarkt Preisschilder für 30.000 Artikel entweder ausgedruckt und mühsam aufgeklebt oder teilweise sogar noch von Hand ausgeschrieben werden, bieten sich elektronische Etiketten an den Regalen an, was in einigen wenigen Elektronik-Märkten bereits getestet worden ist und wahrscheinlich bis zur Veröffentlichung dieses Buches ausgebaut worden sein wird. Die Filialen können hiermit sofort auf Preisschwankungen reagieren und nach Lust und Laune mit ihrer Gewinnmarge spielen. Dass diese Technologie nach der sicherlich hohen Anfangsinvestition sich schnell bezahlt machen wird, ist auch klar. An denselben Regalen werden sich Displays befinden (siehe weiter oben), die zum Beispiel über die Herkunft der Ware oder auch über die richtige Verwendung informieren.

 

Ein zentraler Punkt in unserem digitalen Lebensmitteleinkauf wird der „kluge“ Einkaufswagen sein.

 

Auch wenn zukünftig immer noch das eine oder andere Rad am Wagen eiern wird, haben wir es dann mit einem Hightech-Gerät zu tun. Der WLAN-Empfänger im kleinen befestigten Display spielt unseren Einkaufszettel, den wir natürlich nicht mehr per Hand schreiben (oder vielleicht doch?), sondern in die zur jeweiligen Supermarkt-Kette gehörige App eingetippt haben, auf die Anzeige und sortiert die Positionen dann nach der Reihenfolge des Rundgangs im Markt. Natürlich werden Sie auch ein paar eher unwirtschaftliche, weil mit einem kleinen Umweg verbundene Runden drehen, damit Ihre Aufmerksamkeit auch auf die vielen tollen Angebote gelenkt wird. Dass Sie als Kunde bei Verwendung dieser App natürlich all Ihre Einkaufsgewohnheiten preisgeben, steht einmal mehr außer Frage: Sie werden – positiv formuliert – einmal wöchentlich eine punktgenaue Werbung Ihrem Geschmack und Ihren Gewohnheiten entsprechend per E-Mail erhalten. Nach dem Motto „Wer Schnitzel XXL gekauft hat, interessiert sich auch für Underberg.“

 

In einer Handvoll Nespresso-Boutiquen kann man schon seit Längerem ein durchaus bequemes und nach eigener Erfahrung auch sicheres Bezahlsystem testen: Im Selbstbedienungsbereich, den es bisher nur in ausgewählten Shops gibt, legen Sie die gewünschten Kaffeestangen in eine der ausgehängten Papiertragetaschen und stellen diese dann in die Bezahlstation hinein. Ein Lesegerät scannt den Inhalt und zeigt ihn samt Preis zur Bestätigung auf dem Display an. Nun schieben Sie nur noch Ihre EC-Karte in den Schlitz, geben Ihre Geheimzahl ein – und schon wird die Zahlungsbestätigung druckt. Während sich im hinteren Bereich der Boutique die Warteschlange sukzessive verlängert, sitzen Sie schon wieder im Auto, im Café oder sonst wo.

 

Dieses Bezahlsystem wird sich über kurz oder lang auch im Lebensmittelbereich durchsetzen. Sie können dann Ihren Einkaufskorb oder gar den ganzen Wagen kurz in eine Station schieben. Was bei Nespresso aktuell noch nicht möglich ist, wird dann ganz normal sein: Sie zahlen per Smartphone oder sogar per Fingerabdruck.

 

In meinem Zukunftsszenario wird sich auch das QR-Code-Schaufenster etablieren: Ein Schaufenster mit Produktabbildungen, von dem aus sie die gewünschte Ware einfach per App und Smartphone-Kamera einscannen und bestellen konnten. Nun wird es auch zukünftig für einen Vollsortimenter im Lebensmittelbereich sehr schwierig bis unmöglich sein, alle Produkte dort zu hinterlegen, allerdings wird es für die gängigen Artikel und für einen Meter Sonderaktionen durchaus reichen.

 

Da der Mensch im Digitalzeitalter nicht mehr wirklich gewillt ist, unnötig und ewig lange zu warten, wird sich hierbei alles durchsetzen, das den schnelleren Einkauf ermöglicht. So schön und inspirierend ein Einkauf im Supermarkt auch sein kann, so nervig ist die Warterei an der Kasse und das permanente Ausweichen in engen Gängen.

 

Setzen sich die erwähnten Innovationen und vieles mehr durch, kann es durchaus sein, dass sich im Bereich der Lebensmittel-Supermärkte der DI deutlich erhöht und bei 9 landet.

 

Es gibt viel zu tun

Was sämtliche Einzelhandelsbereiche gemein haben: Es ist schon einiges auf einem guten Weg und gleichzeitig gibt es noch sehr viel zu tun, um auf den aktuellen Stand der Technik zu kommen und um den Kunden ein zeitgemäßes und emotionales Kauferlebnis zu schaffen. Das Wichtigste aber sollten wir uns alle immer wieder vor Augen halten: Am Ende ist es immer ein Geschäft zwischen Menschen und das wird auch immer so bleiben.

 

Einfach mal Mensch sein!

 

Das Buch zum Thema:

Verkaufen in digitalen Zeiten: Einfach mal Mensch sein (Dein Business)

Autor: Lars Schäfer
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