Wie schön, wenn man keine Angst haben muss

19. Dezember 2016

Wenn wir Angst haben, ist im Gehirn die Amygdala in Aktion. Im Deutschen „Mandelkern“ genannt, ist sie eine paarweise vorhandene, kaum daumennagelgroße Struktur im limbischen System. Sie erhält und verarbeitet vollautomatisch Impulse aus sämtlichen Sinnessystemen. So kommt es, dass wir Richtig und Falsch nicht nur erkennen, sondern auch spüren.

 Wie schön, wenn man keine Angst haben muss

Bei allem, was dem Strom des Üblichen nicht entspricht, schaltet sie auf Alarm. Unsere Sinne gehen auf „Hab acht”: Ist das, was uns aus unserer Routine gerissen hat, gut - oder wird es uns schaden? Sie untersucht alles, was auf uns einwirkt, höchst wachsam auf emotional wichtige Faktoren, auf bedrohliche Situationen und potenzielle Gefahren. Sie registriert jede Bewegung und hört das schier unhörbare Rascheln im Gebüsch.

 

Unser Gefahrenradar

Unser Überleben hängt von einem blitzschnellen Alarmsystem ab. So spürt die Amygdala Bedrohungen kommen und sorgt, ohne dass unser Denkhirn daran beteiligt ist, blitzschnell für die passende Reaktion: panikartige Flucht, dosierter Angriff oder atemloses Erstarren.

 

All dies wird unterhalb der Wahrnehmungsschwelle unseres Bewusstseins mithilfe von Stresshormonen erledigt. Wir spüren nur das Ergebnis: Angst oder Furcht, Zorn oder Wut, Zögern und Zagen – je nachdem. Eine wahre Erlösung ist es hingegen, wenn uns die Amygdala entwarnend vermittelt: Du musst nicht kämpfen. Du musst auch nicht fliehen. Du bist hier in Sicherheit.

 

Angst kann übrigens auch mit positiven Gefühlen verbunden sein. Das nennen wir dann Nervenkitzel. Der zieht all diejenigen in seinen Bann, die Wagnisse eingehen, um ihre Grenzen ausloten. Adrenalinjunkies eben. Nervenkitzel befällt aber auch diejenigen, die im Fernsehsessel einen Thriller verfolgen. Weil der Kortex weiß, dass real keine Gefahr besteht, haben wir Spaß an der Angst.



 

Freund oder Feind?

Immer wenn zwei Menschen aufeinandertreffen, entscheidet unser limbisches System ohne unser Zutun und in rasender Geschwindigkeit: Freund oder Feind. Warum so eilig? Auf den allerersten Blick müssen wir erkennen können: Bringt der andere uns Gutes oder droht uns Gefahr?

 

Ohne dass wir so recht wissen, warum, finden wir eine neue Bekanntschaft schon nach wenigen Momenten sympathisch oder auch nicht. Wie das kommt? Innerhalb weniger Millisekunden wird unser Vertrautheitsgedächtnis abgegrast und mit gespeicherten emotional konditionierten Vorerfahrungen abgeglichen: „Menschen mit Goldrandbrille sind intelligent. Die kennen sich aus, denen kannst du vertrauen.“

 

Oder: „Der da sieht aus wie dein Klassenlehrer und der war irgendwie hinterhältig.“ Auch wenn solche Urteile oft unberechtigt sind oder sogar auf die falsche Fährte führen: Das System als solches ist Gold wert. Denn in akuten Gefahrenmomenten springt unser Denkhirn viel zu langsam an, um den Körper in Alarmbereitschaft zu versetzen. Die Intuition, gespeist aus der Summe aller emotional markierten Erfahrungen, ist schneller als der Verstand.

 

Das Gehirn ist sozial

Neurobiologisch ist unser Gehirn auf gute soziale Beziehungen geeicht. Die These vom Social Brain zeigt gerade im Web ihre volle Wirkung. Sie besagt, dass Menschen nicht primär auf Egoismus und Konkurrenz ausgerichtet sind, sondern auf Zusammenarbeit und zwischenmenschliche Bande.

 

Gut mit anderen auszukommen und zu kooperieren wird vom Gehirn sogar belohnt. „Warm glow“ nennen Forscher das Gefühl, das uns dann überkommt. Es wird einem warm ums Herz und das Wohlbefinden steigt, wenn wir prosoziales Verhalten zeigen. Deshalb sucht die Amygdala ohne Unterlass nach freundlichen Gesten – aber auch nach finsteren Gestalten. Unaufhörlich interpretiert sie die Bedeutung nonverbaler Mitteilungen über Gestik und Mimik.

 

Gesichter sind ihr dabei besonders wichtig. Denn selbst die kleinste Erregung erzeugt Mikrobewegungen, die sie decodiert. Ferner sondiert sie jede noch so leise Veränderung in der Stimme. Zudem erschnuppert sie Absichten in unserem Schweiß. So versorgt sie uns mit einem steten Fluss von Informationen: Das hat ihn interessiert … Das hat ihn gelangweilt … Das machte ihn nachdenklich … Da zögerte er … Jetzt sieht es so aus, als ob er gleich Ja sagen wird … Halleluja, geschafft!

 

Das Buch zum Thema:

Touchpoints, Auf Tuchfühlung mit dem Kunden von heute - Managementstrategien für unsere neue Businesswelt, Mittelstandsbuch des Jahres

 

 

 

 

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