Self-Leadership: So bringen Sie sich selbst auf Kurs

8. März 2014

Die Entfaltung der Persönlichkeit wird heute in der Führungsarbeit immer wichtiger. Damit meine ich nicht so sehr die klassische Führungsaufgabe, Menschen zu fördern und zu entwickeln. Vielmehr geht es zuerst um die Entwicklung der eigenen Persönlichkeit als Mensch und in der Rolle als Führungskraft. Das Ziel ist es dabei, eine innere Stärke zu erlangen, die mich als Mensch im Fluss des Lebens hält und als Führungskraft zur Wirkung kommen lässt.

 


Vielleicht kann diese Entwicklung am besten damit beschreiben werden, die eigene Lebendigkeit spüren zu lernen und weiter zu erhöhen. Das kreative Potenzial, das uns das Leben großzügig anbietet, will erkannt und gehoben werden. Wer auf diese Weise nahe an sich, also am Leben ist, der ist auch achtsam im Umgang mit Mensch und Natur, der wird Menschen mögen und wird sich leichter tun, emotional-warme Beziehungen aufzubauen. Dass solche Menschen als Führungskräfte akzeptiert werden und ihnen eine höhere Wirkung nachgesagt wird, ist freilich eine These, die aber in der Praxis viel Bestätigung findet.

 

 Self-Leadership-Heinz Peter Wallner auf business-netz.comFotocredit: Dodo Kresse 

 

Grundwissen über Veränderung und Entwicklung

Wann immer ich mich dazu entscheide, einen Entwicklungs- und Veränderungsprozess zu beginnen, ist es hilfreich, einige Grundprinzipien kennen zu lernen. Die drei aus meiner Sicht wichtigsten Aspekte dabei sind der gute Umgang mit Widersprüchen und mit Entscheidungen, das Grundwissen über Veränderungsprinzipien und ein wirkungsvoller Umsetzungszyklus, der mir Orientierung und Sicherheit gibt.

 

Umgang mit Widersprüchen und Entscheidungen

Widersprüche stehen immer am Anfang einer Veränderung. Sie bilden ein Spannungsfeld aus, in dem Sie sich bewegen und das Sie energetisch stärken kann.

Ein Beispiel:

Wenn Sie dazu tendieren, die Dinge an sich und die Menschen kontrollieren zu wollen und damit an Ihre Grenzen stoßen, dann steht Ihnen der Weg zu mehr Vertrauen offen. Vertrauen und Kontrolle aber bilden ein Widerspruchspaar und das bringt Sie in ein Spannungsfeld. Jetzt ist es hilfreich, diesen Widerspruch zu erkennen, ihn zu verstehen und eine Zeit lang bewusst auszuhalten. Das geht leichter, wenn klar wird, dass dieser Widerspruch ohnehin nicht entscheidbar ist. Niemals können Sie langfristig für das eine oder das andere plädieren, ohne an Kraft und Energie zu verlieren. Der Widerspruch ist wie eine „Polarität“, wie Plus und Minus, ein Feld, das Sie mit Energie auflädt. Im Spannungsfeld aber sollten Sie auch nicht zu lange verweilen, denn nur im Fluss findet Entwicklung statt. Veränderung kann daher als Spiel mit Spannung und Fluss verstanden werden.

 

Ich nenne dieses Spiel: Zwischen den Polen und mitten im Fluss.



Die Spielmetapher ist hilfreich, wenn wir das Spiel mit einfachen Regeln beschreiben können, die in der Veränderungssituation eine Hilfestellung bieten. Vier Spielregeln haben sich besonders bewährt:

  1. Beobachte zuerst immer das größere Spiel
    Ganz egal, was Sie verändern wollen, Sie sind keine Insel, Sie sind eingebettet in ein größeres Spiel, das Ihnen einen Rahmen vorgibt. Besonders wichtig ist der Widerspruch, den Sie für Ihr Spiel von oben „eingespielt“ bekommen. Ein Beispiel: Wenn Sie als Führungskraft eine Kultur des Vertrauens entwickeln wollen, die Organisation aber von bürokratischer Kontrolle geprägt ist, dann bekommen Sie einen Widerspruch wider Willen „zugestellt“. Damit müssen Sie einen Umgang finden. Wichtig ist aus meiner Sicht der Schritt, den Widerspruch des größeren Spiels zu erkennen und zu verstehen. Sie werden dann einen guten Umgang damit finden.

  2. Setze Bewertungen aus
    Wann immer Sie nicht entscheidbare Widersprüche wie Vertrauen⇔Kontrolle, Nähe⇔Distanz, Individuum⇔Gruppe, verändern⇔bewahren, Hierarchie⇔Selbstorganisation – um nur einige Beispiele zu nennen – vorfinden, sind Sie mit dem Anspruch auf richtig und falsch, gut und schlecht, am Holzweg. In all diesen Fällen sind immer beide Seiten „wahr“ – sie entspringen immer nur einer anderen Wahrnehmung. Wenn aber schon richtig-falsch oder gut-schlecht, eine Illusion sind, dann kann man es üben, auf Wertungen für einige Momente zu verzichten. Wenn das gelingt – und das ist lernbar – dann entwickeln Sie eine heitere Gelassenheit, die durchs Leben trägt. Mein ständiges Bewerten-wollen ist eine Bürde, die mir aus früheren Zeiten der Evolution auferlegt wurde und die heute nicht mehr durchgängig sinnvoll ist. In Widerspruchssituationen  ist eine zu frühe Bewertung hinderlich, weil sie mich einschränkt und Optionen abwehrt.

  3. Entscheide nicht gleich, initiiere einen Prozess
    Was nicht entscheidbar ist, kann sinnvoll auch nicht im Augenblick entschieden werden. Sinnvoller ist es, einen „inneren Entscheidungsprozess“ zu beginnen und die Optionen abzuwägen. Zuerst muss ich unterscheiden, also die Pole auskosten und verstehen, dann muss ich entscheiden, um mich in den Fluss des Lebens zu bringen und zuletzt verlangt die Entscheidung Entschiedenheit von mir.

  4. Halte inne, bis Du wirklich gelernt hast
    Das Zauberwort der Selbstführung ist die Reflexion. Was von meinen neuen Versuchen ist gelungen, was nicht? Was ist es wirklich wert, wiederholt zu werden? Bin ich entschieden genug und bin ich bereit zur Wiederholung meines Veränderungsvorhabens? Mitunter braucht es Zeit, diese Klarheit zu erlangen. Aber die wichtige Frage stellt sich immer wieder: Bin ich auf dem richtigen Kurs? Sie wissen, wir können auch gegen den Wind segeln, es ist nur etwas aufwendiger und will gelernt sein.     

  

Umgang mit Veränderung und Entwicklung

Für einen guten Umgang mit Veränderung und Entwicklung braucht es nur sechs einfache Prinzipien. Zusammengefasst lauten sie:

  1. Prinzip Anfang und Ende:
    Dem Anfang Bedeutung geben und das Ende gleich mitdenken, wie Stephen R. Covey gesagt hat.

  2. Prinzip Polarität:
    Ohne Widerspruch keine Veränderung. Was ist mein Widerspruch?

  3. Prinzip Resonanz:
    Wie radikal verändert sich dadurch mein Leben? Wird es gut?

  4. Prinzip doppelte Entscheidung:
    Zuerst enthemme Dich zur Tat, dann entscheide Dich zur Wiederholung.

  5. Prinzip Wiederholung:
    Es gibt keinen Erfolg einer Entwicklung ohne Übung.

  6. Prinzip Ordnungsmuster:
    Es geht immer um neue Gewohnheiten und um neue Muster. Erhöht sich dadurch meine Lebendigkeit? Dann ist es gut.

 

Ein Veränderungsvorhaben ganz konkret umsetzen

Welches Vorhaben Sie auch immer umsetzen wollen, es stehen immer viele Türen offen. Die erste Türe aber, die Sie öffnen müssen, ist das Tor zur Einsicht. Ohne Einsicht, sei es aus einem Wunsch oder aus einem Zwang heraus, werden Sie in Ihrer Komfortzone verharren und nicht beginnen. Nur Einsicht erzeugt Willenskraft. Wenn aber die Einsicht da ist, dann kann Veränderung beginnen. Anhand eines einfachen Beispiels, das jeden Menschen einmal treffen kann, möchte ich den Veränderungszyklus erklären, der hilfreiche Dienste leisten wird.

 

Angenommen Sie haben einen guten Job und sind mit den Umständen recht zufrieden. Aber eine innere Stimme übt immer wieder Kritik, die Sie noch unterdrücken können. Unmerklich aber reift die Einsicht, dass es auch noch andere Chance im Leben für Sie gehen wird. Meist ist es dann ein Spiel der Umstände, gerade zum richtigen Zeitpunkt eine Chance auf den Tisch zu bekommen. Und damit passiert es. Sie tauchen tief in einen Raum der Widersprüche ein. Sie stehen im Spannungsfeld zwischen zwei Optionen, die beide spannend, beide „richtig“ sind und Sie können sich nicht entscheiden. Wenn Sie an die Spielregeln denken, ist das gut so, weil Sie gar nicht gleich entscheiden können.

 

Das Spiel der Veränderung hat Sie erfasst und es beginnt im Kopf. Sie beginnen sich die möglichen Zukünfte auszumalen, Sie machen sich Bilder von dem Einen und dem Anderen, Sie wägen Vor- und Nachteile ab, Sie besprechen sich mit Freunden und lassen die Bilder reifen.

Sie sind im Quadranten 1: GEIST – Neues Denken und in der Phase der Unterscheidung. Ganz von selbst reifen die Bilder im Kopf und erzeugen in Ihrer Innenwelt Gefühle und Haltungen.

 

Sie tauchen in den 2. Quadranten: HERZ – Neue Haltung ein und beginnen Resonanzen zu entwickeln. Jetzt brauchen Sie Geduld, um genügend „Geist-Herz-Resonanz“ aufzubauen.

Die Bilder im Kopf werden immer klarer und schärfer, die Gefühlswelt beginnt sich zu ordnen. Noch sind Sie nicht zur Entscheidung bereit, aber Sie sind nahe dran. Oft wird in dieser Phase ein Plateau erreicht und es scheint sich nichts zu bewegen. Je tiefer Sie aber einsteigen, je intensiver Sie die Optionen zu unterschieden beginnen, desto klarer wird Ihre Gefühlswelt. Jetzt kommt die Entscheidung dann über Nacht. Es ist eine langsame, intuitive Entscheidung, die nicht viel mit dem ersten Bauchgefühl zu tun hat. Aber diese Entscheidung wird eine gute sein.

 

Diese Entscheidung erlöst Sie aus dem Spannungsfeld (zwischen den Polen) und bringt Sie in Bewegung (3. Quadrant – BEWEGUNG – Neues Tun). Wenn Sie sich für die neue Option entschieden haben, kommt Ihr ganzes Leben in Bewegung. Sie tun zum ersten Mal seit langer Zeit wieder etwas zum ersten Mal. Sie üben neue Muster ein und erkunden neugierig das Neuland. Es ist wie ein Anlegen an einer unbekannten Insel, ein erster Landgang, wo Sie viele Überraschungen erwarten können. Unweigerlich erhalten Sie zu Ihrem Tun Feedback aus der Umwelt. Sie spüren, was geht und was nicht geht, spüren Freude oder eben nicht. Menschen sprechen Sie an und stellen Fragen.

 

Ganz von selbst kommen Sie in den 4. Quadranten – FORM – Neue Erkenntnis, wo Sie lernen, wo sich neue Muster festigen und Sie vor allem wieder eine Entscheidung treffen müssen. Diesmal ist es eine Entscheidung aus der Erkenntnis, auf einem guten Kurs zu sein. Es ist die Entscheidung zur Wiederholung.

 

Lernen in der liegenden Acht - Heinz Peter Wallner auf business-netz.com

Liegende Acht: Heinz Peter Wallner, aus: Das innere Spiel, 2013, BusinessVillage 

 

Jetzt sind Sie bereit, Ihr (1) Bild klarer zu auszumalen, (2) Ihre inneren Haltungen zu stärken, (3) sich wieder für das Tun entscheiden und (4) erneut zu lernen.

 

Diesen Zyklus müssen Sie sehr konsequent so lange wiederholen, bis eine neue Gewohnheit entstanden ist. Im Beispiel müssen Sie so lange im Entwicklungsprozess bleiben, bis Sie ihre neue Welt wirklich kennen gelernt haben und mit Entschiedenheit bejahen können.    

 

Und einen Satz von Anselm Grün möchte ich gerne jeder Führungskraft, die sich auf diesen Weg macht, mitgeben:

So wie Du bist, in Deiner Einzigartigkeit bist Du ein Segen für die Menschen“.  

 

Hier finden Sie weitere Beiträge zu unserem Projekt Kurswechsel: Frischer Wind für Business und Karriere.

 

Das Buch zum Beitrag:

Das innere Spiel": Wie Entscheidung und Veränderung spielerisch gelingen 

 

 

 

 

Kommentare

Gute Lebendigkeit

Die 6 Prinzipien funktionieren nur, wenn vorher folgende 2 Fragen geklärt sind:
1. Die _ Wertung _: Was ist gut?
2. Vermutlich auch überwiegend wertend: Was ist Lebendigkeit?

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