Frauen zwischen Karrierelust und Karrierefrust

9. März 2015

Grundlegende Dichotomien weiblicher Karrieren 

Erfolgsrezepte sollen den Erfolg erleichtern. Ein häufig abgegebenes Rezept für Frauen, die in Beruf und Gesellschaft vorankommen wollen, lautet zum Beispiel: „Lernen Sie, sich gut zu verkaufen!“ Gibt man diesen Tipp in einem feedback-freundlichen Kontext, zum Beispiel im Coaching, wenden insbesondere selbstbewusste Frauen sofort ein: „Ja, schon, aber ich möchte doch kein solcher Angeber werden wie meine Kollegen!“ Deshalb habe ich vor Jahren aufgehört, sogenannte monochrome Rezepte zu geben. Die größte Akzeptanz und beste Wirksamkeit vor allem bei Frauen genießen dichotome Erfolgsrezepte: Beide Seiten der Medaille werden berücksichtigt. Hier eine kleine Auswahl:

 

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1. Geben Sie niemals auf – es sei denn, das Pferd ist tot!

In diesen Tagen brennen schockierend viele beruflich erfolgreiche Frauen in gehobenen Positionen aus: Burnout als Karriere-GAU. Meist sehr engagierte, intelligente und beharrliche Frauen – zu beharrlich: Sie haben noch beharrt als es ihnen schon lange nicht mehr gut tat, sie auf dem Holzweg waren, das Projekt nicht mehr zu retten oder das Pferd, das sie ritten, eigentlich schon tot war. Karriere ist immer ein Ritt auf Messers Schneide: Sei …! Aber nicht zu …! Geben Sie niemals auf – bis Sie erkennen: „Jetzt ist genug!“ Dann sagen Sie das auch laut und deutlich – und machen was anderes.

 

2. Zeigen Sie Biss und bleiben Sie Frau!

Wer „nur“ Frau bleibt, tut sich schwer mit der Karriere. Wer sehr hart auftritt, macht zwar eher Karriere, verliert aber auch an Weiblichkeit. Reiten Sie auf der -Rasierklinge: So zupackend und selbstbewusst wie nötig und dabei so weiblich und authentisch wie möglich. Wo liegt für Sie der Balance-Punkt? Das können nur Sie persönlich herausfinden. Finden Sie es. Täglich.

 

3. Seien Sie unbarmherzig und nachgiebig!

Unbarmherzige Härte und Beharren auf der eigenen Position verleiht zwar oft den nötigen Nachdruck. Doch wer nicht weiß, wann sie auch nachgiebig, diplomatisch und entgegenkommend sein muss, verliert Rückhalt im Netzwerk, unter Kollegen und im sozialen Gefüge. Das schadet Karriere, Seelenheil und Image. Entscheiden Sie in jeder Situation erneut: Worin bleibe ich hier unnachgiebig und in welchen Punkten gebe ich diplomatisch nach?



 

4. Vertrauen Sie Ihrer Sozialkompetenz und kultivieren Sie sie mit Zahlenkompetenz!

„So kann man doch nicht mit Mitarbeitern umgehen!“, beklagt eine Abteilungsleiterin im Coaching die Rotstift-Orgie ihrer Geschäftsleitung und will empört dem Vorstand eine böse Mail schreiben. „Aber wenn doch grad die Firma kein Geld hat?“, wende ich ein. Die Managerin lacht: „Vielleicht sollte ich herausfinden, wie wir unsere Leute auch mit wenig Geld noch gut behandeln können.“ Ihr Frust ist weg – und die potenzielle Karriere-Killer-Mail.

 

5. Nicht über Leichen, aber über Leichtverletzte gehen!

„Ich geh doch nicht über Leichen wie die Kollegen!“, wenden Frauen oft ein, wenn es darum geht, „Tough enough for business!“ zu sein. Der Vorstand aus unserem Beispiel hinterlässt mit seiner  Budget-Rasur eine Blutspur: „Was wollt ihr? Seid froh, dass wir nicht noch mehr kürzen.“ Die Mitarbeiter reagieren empört.. Die Abteilungsleiterin dagegen sagt: „Lasst uns gemeinsam überlegen, wie wir mit dem wenigen Geld das Beste für euch rausholen könnt.“ Diese Geste des guten Willens hinterlässt nur Leichtverletzte, die darüber hinaus der Vorgesetzten dankbar sind. Dieses Hinterlassen leichter Verletzungen sollte frau sich zutrauen.

 

6. Karriere und Familie!

Frau kann nicht beides – in uneingeschränktem Umfang. Das ist kein Problem, lediglich ein Trilemma: Entweder Sie lassen eines davon bleiben oder Sie geben einem davon den prioritären Vorrang – dann verschwindet der (Selbst)Vorwurf der Vernachlässigung des jeweils anderen. Oder Sie organisieren beides relativ gleichwertig mit viel Delegation und Unterstützung zu einer wohldosierten Synthese innerhalb gegebener Ressourcen-Parameter. Die vierte Option, in die viele Frauen reinrutschen, lassen Sie lieber bleiben: Sich irgendwie durchwursteln und im Job wegen der Familie und in der Familie wegen des Jobs ein schlechtes Gewissen pflegen.

 

7. Eigene Erfolge würdigen und Vergleiche meiden!

Viele erfolgreiche Frauen sind wenig zufrieden: „Die Helga ist doch schon Bereichsleiterin! Dabei hat sie ein Kind mehr als ich!“ Ein tolles Frustrezept. Daher: Keine Aufwärtsvergleiche! Es gibt immer eine, die irgendwo und irgendwie besser ist als Sie und ich. Einerlei! Kein Vergleich mit anderen enthebt Sie der mental-hygienischen Pflicht, Ihre eigenen Erfolge gefälligst selbst zu würdigen! Warum? Weil Sie unvergleichlich sind!

 

8. Selber wuppen, Netzwerk pflegen!

Karriere ist quasi ex definitionem Ergebnis einer und Belohnung für eine Einzelanstrengung – die ohne ein klug zusammengestelltes, karriere-förderliches (!) Netzwerk nicht möglich ist. Pflegen Sie beides!

 

9. Seien Sie kollegial und grenzen Sie sich ab!

Natürlich hilft man gerne dem Kollegen, der Kollegin. Und dann grabscht er oder sie Ihnen Ihren wohlverdienten Erfolg weg? Viele Frauen stecken dabei jedes Mal zurück – um des lieben Friedens willen. Frauen, die Karriere machen, grenzen sich ab: „Lieber Chef, ich schätze den Kollegen, aber das Projekt ist auf meinem Mist gewachsen – wie die Projekt-Dokumentation klar belegt.“ Wer den Wolf nicht in die Schranken weist, riskiert das nächste Schaf. Seien Sie keines.

 

10. Sich nach Wert verkaufen und bescheiden bleiben!

Der Abteilungsleiter lobt zwei Projektleiter: „Gut gemacht!“ Der Kollege bedankt sich mit: „Als ich sah, dass die Endabnahme bedroht ist, habe ich sofort eine Urlaubssperre erlassen.“ Die Kollegin dagegen bedankt sich für das Lob vom Chef mit: „Danke, aber ich habe auch ein tolles Team.“ Was ist der bessere Dank im Sinne von Wahrheit und Karriere? Keiner von beiden. Der erste ist angeberisch, der zweite kleinmädchenhaft. Die bessere Antwort: „Das nächste Projekt dürfen Sie mir ruhig zwei Nummern größer geben. Und Ihr Lob gebe ich gerne meinem Team weiter. Das ist nämlich spitze!“

 

11. Status schätzen und Karriere selbst definieren!

Eine Personalberaterin verriet mir, dass heutzutage sehr viele hoch qualifizierte Singles „nur“ Teilzeitjobs suchen: Karriere und Erfolg im Leben bedeuten für sie nicht Reihenhaus, drei Kinder und Zweitwagen. Sie definieren selbst, was sie als Erfolg werten. Gute Idee.

 

12. Karriere machen und sauber bleiben!

Eine erfolgreiche Einkaufsleiterin verzichtet auf 140.000 Euro Jahresgehalt zuzüglich Bonus, um sich als Einkaufsberaterin selbstständig zu machen. Keiner versteht das. Sie sagt: „Ich kann nicht länger Mittelständler im Preis drücken, bis sie verbluten.“ Jetzt hat sie beides: Karriere-Erfolg und ein reines Gewissen. Wer hat behauptet, dass sich das ausschließt?

 

13. Sensibel bleiben und Schutzschirm einschalten!

Als das Meeting hitzig wird, versteckt eine Kollegin ihr Gesicht hinter dem Tablet. Heike sagt: „Ich bin vom Job schon so abgehärtet, dass ich minutenlang nicht merkte: Die kämpft mit den Tränen! So unsensibel will ich nie mehr sein!“ Dann heult sie jetzt wie die Kollegin, wenn die anderen zur Attacke blasen? Nein. Für diesen Fall „schalte ich meinen Schutzschirm ein. Den kann man sich zulegen. Das kann man trainieren!“

 

14. Stehen Sie zu Erfolgen – und zu Fehlern!

Viele Frauen machen unbewusst das Gegenteil: Erfolge, Lob und Anerkennung wehren sie ab („Och, ist doch selbstverständlich!“). Dagegen übernehmen sie sofort die Schuld, wenn irgendwo irgendwas schieflief: „Mist, da hätte ich doch …!“ Auch hier gilt das Prinzip der Gleichbehandlung für ein besseres Gewissen, mehr Selbstachtung und eine schnellere Karriere: Stehen Sie zu Erfolg und Fehlern gleichermaßen.

 

15. Behandeln Sie alle Menschen gleich – aber Energieräuber anders!

Oft sind wir auch noch zu den schlimmsten Scheusalen freundlich und zuvorkommend – frau möchte ja niemanden verurteilen oder verletzen.  Das verlangt auch keiner. Trotzdem ist das unklug: Sie werden ausgenutzt. Sie müssen niemanden verletzen, der Ihnen Zeit und Energie raubt. Bloß meiden. Wo immer und wann immer es geht. Nix wie weg.

 

16. Bleiben Sie, wer Sie sind, und werden Sie, die Sie sein können!

Karriere bedeutet Veränderung und Veränderung macht Angst (viele geben das bloß nicht zu). Wen diese Angst regiert, die macht selten oder nur langsam Karriere und bleibt unzufrieden mit sich selbst. Wechseln Sie die Perspektive:: „Nicht ich verändere mich – ich verändere nur die Umstände. Ich bleibe dieselbe.“ Oder: „Ich wachse auch persönlich an der Veränderung!“

 

17. Bleiben Sie Ihrer Position treu und verändern Sie die Perspektive!

„Macht macht korrupt!“, denken immer noch viele Frauen. Das ist eine unbewusst karriere-feindliche Position. Eigentlich ist es eine Meinung. Die Position dahinter ist: „Ich möchte mich durch Macht nicht korrumpieren lassen!“ Wechseln Sie auch hier die Perspektive wechseln: „Ich nutze meine Macht nur für Gutes!“ Oder: „Ich akzeptiere eine machtvolle Stellung nur dann, wenn es eine in meinem Sinne gute Macht ist.

 

18. Fordern und gewähren Sie!

„Eigentlich sollte ich schon längst Senior Group Managerin sein!“ Und wie oft haben Sie das schon beim Chef eingefordert? Wahrscheinlich zu selten. Was frau fordert, kann frau auch bekommen – oder auch nicht. Was frau dagegen nicht einfordert, bekommt sie garantiert nicht. Dann fordern Sie endlich – und der Chef lehnt ab: „Ich kündige!“ .Auch das gefährdet Karriere, Klima und Seelenheil: Gewähren Sie auch dem Chef das Recht, anderer Ansicht zu sein – und fordern Sie morgen erneut!

 

Fazit: Rezeption ist gut, Adaption ist besser

Jede von uns erreicht ihre beruflichen und privaten Ziele schneller, einfacher und besser, wenn sie sich auf bewährte Erfolgsrezepte verlässt – und dabei die oberste Maxime beim Schuhkauf beherzigt: Nicht jeder passt jeder. So einfach ist die Welt nicht: Sie ist mindestens zweifach. Jedes Rezept hat mindestens zwei Seiten. Wer beide berücksichtigt, erntet leichter den gewünschten Erfolg: Dichotome Erfolgsrezepte sind die besseren Rezepte. Die allerbesten Rezepte – und das ist zugleich die Steigerungsform für Fortgeschrittene – sind polychrome Strategien. Sie berücksichtigen nicht nur die zweite, sondern auch die dritte, vierte, … Seite von Rezepten und passen damit das Rezept zum Beispiel an die konkrete Situation, die Fähigkeiten der Rezept-Anwenderin und ihre individuelle Persönlichkeit an. Diese Anpassung nennt man Adaption. Sie ist das eigentliche Erfolgsrezept hinter den Erfolgsrezepten. Was wieder einmal die Erkenntnis bestätigt: Wichtiger als das beste Rezept ist die Frau, die es klug anwendet. 

 

Hier finden Sie weitere Beiträge zu unserem diesjährigen Projekt Erfolgsrezepte

 

Die Bücher zum Thema

Als weiterführende Literatur zu den im Beitrag skizzierten Erfolgsrezepten für Frauen sind von der Autorin erschienen: Souverän!: Wie Sie stark auftreten - auch wenn Sie sich nicht wirklich so fühlen, Kösel-Verlag und Das Führungsbuch für erfolgreiche Frauen, Redline-Verlag. 

 

 

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