Downshifting: Selbstbestimmt den Kurs wechseln

14. März 2014

 

Was verstehen Sie unter Karriere?

Vor kurzem wurde ich nach meiner Definition des Begriffs Karriere gefragt. Natürlich denken wir alle bei Karriere als erstes an das Klettern auf der Karriereleiter nach oben. Mehr Gehalt, wichtiger klingende Jobbezeichnungen auf Visitenkarten, mehr Mitarbeiter, ein größerer Dienstwagen. Dieser Gedanke ist ganz normal, denn so ist Karriere in der Managementlehre seit Jahrzehnten etabliert und in den meisten Unternehmen gelebte Praxis.

 

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Als Karriere-Coach arbeite ich mit vielen Menschen zusammen, die in ihrem beruflichen Leben etwas verändern möchten. Sie sind mit ihrer momentanen Situation nicht glücklich und wissen, dass es so nicht mehr weitergeht. Viele dieser Menschen erzählen mir von ihrer vermeintlichen Bilderbuchkarriere, sie verdienen heute viel Geld, gehen einer interessanten Aufgabe nach und haben oftmals Verantwortung für viele Mitarbeiter. Und dennoch sitzen sie mir gegenüber und suchen professionelle Unterstützung bei ihrem Kurswechsel. Das führt mich in meiner Definition des Karriere-Begriffs zu einer stärker auf das Individuum bezogenen und weniger Richtung weisenden Sichtweise:

 

Karriere ist die berufliche Entwicklung entsprechend der persönlichen Werte und Ziele im Leben und Beruf.

 

Werte treiben uns an – der Wind in den Segeln

Unsere Werte drücken aus, was uns wirklich wichtig im Leben und im Beruf ist. Wenn sie erfüllt sind, dann fühlen wir uns wohl und sind zufrieden. In meiner Arbeit als Coach habe ich eine Methode entwickelt, mit der meine Klienten ihre TOP3-Werte im beruflichen Kontext herausfinden können.

 

Für sehr viele Menschen steht die Freude an der Arbeit an erster Position, danach kommen häufig Werte wie Gerechtigkeit, Anerkennung, Sinn oder Hingabe. Auf meine Frage, in welchem Ausmaß diese Werte bei ihnen heute erfüllt sind, zeigt sich der Grund für die hohe Unzufriedenheit im aktuellen Umfeld. Oftmals sind die TOP3-Werte gerade rudimentär erfüllt, zum Teil werden diese Werte auch durch andere Dinge im Berufs- oder auch Privatleben kompensiert.

 

Angenommen, Ihnen ist Anerkennung extrem wichtig. Sie haben jedoch einen Chef, der Ihnen kaum Feedback gibt und Kollegen, die neidisch auf Sie sind. Und zuhause werden Ihre Leistungen im Job auch nicht ausreichend wertgeschätzt. Selbst eine Gehaltserhöhung würde Ihnen in dieser Situation wahrscheinlich nicht die Motivation verschaffen, die Sie benötigen, damit der Wert Anerkennung erfüllt ist.



 

Werte verändern sich – der Wind dreht

Woran liegt es, dass das, was uns im Berufsleben wichtig ist, irgendwann nicht mehr erfüllt ist?

 

Hier sind aus meiner Erfahrung zwei Faktoren entscheidend: Unsere Werte verändern sich im Laufe des Lebens. Eine Veränderung, die wir häufig nicht bewusst wahrnehmen und daher erst sehr spät bemerken. Ein weiterer Faktor ist, dass sich berufliche Entwicklungen häufig „so ergeben“. Wer seinen Job gut macht, macht Karriere. Und wer schlägt schon den nächsten Karriereschritt freiwillig aus? Was sollen die Kollegen und erst recht der Chef denken? So eine Chance kommt bestimmt nie wieder!

 

Sowohl das mangelnde Selbst-Bewusstsein über sich verändernde Wertevorstellungen als auch die in vielen Unternehmen gelebten Karriere-Automatismen führen dazu, dass mir die mit ihrer Situation unzufriedenen Menschen im Coaching unisono erklären, dass sie das, was sie tun, so nicht länger tun möchten. Ziel ist es, ein neues Bewusstsein über die Werte und Ziele im eigenen Leben zu entwickeln und bewusst hierzu passend den Kurs anzupassen. 

 

Kursanpassung – Sie haben das Steuer in der Hand

Meine Grundhaltung als Coach ist, dass wir alle selbst Chef unseres Lebens sind und hierfür auch selbst verantwortlich sind.Die Entscheidung eines Managers, sich für weitere fünf Jahre in den Vorstand berufen zu lassen ist gleichwertig mit der Entscheidung eines Mitarbeiters, seine Arbeitszeit zu reduzieren und auf einen Teil des Gehalts zu verzichten, um so mehr Zeit mit seiner Familie zu verbringen. Beide haben unterschiedliche Wertevorstellungen und treffen die notwendigen Entscheidungen, damit ihre Werte erfüllt sind und sie ein glückliches Leben führen können.

 

Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie dieses Beispiel lesen? Sie bewundern den Vorstand für seine Leistungsfähigkeit und stempeln den zukünftigen Teilzeitarbeiter als Weichei ab? Oder denken Sie, der Familienvater macht es richtig, Hauptsache er ist glücklich?

 

Die erste Sichtweise überwiegt hier in Deutschland noch, denn Karriere führt immer nach oben. Sowohl in den USA als auch in einigen skandinavischen Ländern ist das sogenannte Downshifting, also das bewusste Runterschalten im Job, seit vielen Jahren Normalität.

  

Downshifting – ein Kurswechsel zu mehr Zufriedenheit - www.business-netz.com

 

Downshifting – ein Kurswechsel zu mehr Zufriedenheit?

Runterschalten im Job bedeutet nicht zwingend, weniger zu arbeiten. Ich definiere Downshifting vielmehr als bewusst getroffene Entscheidung, selbstbestimmter zu arbeiten. Dies muss nicht immer die Selbständigkeit als extremste Form sein, auch als Angestellter haben Sie vielfältige Möglichkeiten, zu mehr Selbstbestimmung im Job zu gelangen.

 

Die Formen des bewussten Runterschaltens sind vielfältig. Sie reichen von einer Veränderung der eigenen Grundhaltung zur Arbeit über die Ablehnung einer Beförderung bis hin zur Reduktion der Arbeitszeit oder das Nehmen einer längeren Auszeit. Alle Downshifter bewerten das, was sie mit ihrem Kurswechsel gewinnen deutlich höher als das, was sie verlieren, etwa die bewusste Aufgabe einer Führungsposition verbunden mit einem Verzicht auf einen Teil ihres Gehalts.

 

Wer sich heute in Deutschland für ein Runterschalten im Job entscheidet, der verlässt hiermit in den meisten Fällen das bisherige Unternehmen. Als zu groß wird der Gesichtsverlust von vielen Downshiftern bei freiwilligem Kürzertreten empfunden.

 

Aber auch viele Unternehmen sind heute noch nicht auf diese Art von Karriereentscheidungen ihrer Mitarbeiter eingestellt. Diesen Unternehmen fällt es oftmals schwer, den Mitarbeitern neue Möglichkeiten und eine Kultur zu bieten, in der sie trotz ihrer Entscheidung wertgeschätzt und weiterhin als gleichwertige Mitarbeiter anerkannt werden.

 

Mit der sogenannten Generation Y wird die Anzahl der stärker selbstbestimmt denkenden und intrinsisch motivierten Arbeitnehmer in den nächsten Jahren immer größer werden. Unternehmen, deren Personalstrategie und Führungskultur darauf ausgerichtet ist, frühzeitig die Werte ihrer Mitarbeiter im beruflichen Kontext und auch deren Veränderungen im Zeitverlauf zu erkennen, können ihnen hierzu passende Entwicklungsmöglichkeiten bieten und sie langfristig an das Unternehmen binden.

 

Hier finden Sie weitere Beiträge zu unserem Projekt Kurswechsel: Frischer Wind für Business und Karriere.

 

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